Andreas Giebel

Sympathische Muster für eine Leben voller Nonchalance

Andreas Giebel – ein humoriger Philosoph lässt Publikum tiefsinnig lächeln

veröffentlicht in der Schwäbischen Zeitung vom 22.Mai 2018, Ausgabe Bad Waldsee-Aulendorf

 

Es sind schon einige Jahre vergangen, seit Andreas Giebel das letzte Mal in Bad Waldsee bei Kultur am See zu Gast war. Mit seinem aktuellem Programm „Das Rauschen der Bäume“ ist er jedoch dem Stil treu geblieben, für den ihn auch die 180 Besucher in Bad Waldsee schätzen. Giebel, ein feinsinniger Beobachter des Alltags, der am Freitagabend im Haus am Stadtsee Lebensmodelle betrachtet und keinen Hehl daraus macht, bei welchem Typus Mitmensch seine Sympathien liegen.

Traditionell spannt Giebel seine Gedanken in ein örtlich und zeitlich eng begrenztes Spektrum der großen Weltgeschichte. In diesem Fall war es der heimatliche Karl-Dingshammer Platz. Ein Ort mit Blumenladen, Kneipe, Kiosk, ein paar schattigen Bäumen samt idyllischer Bank und einem leerstehendem Supermarkt der als Maleratelier dient. Dass dieser Platz in den Augen Giebel eine 1:1 Kopie des jungsteinzeitlichen Kultortes Stonehenge darstellt ist nicht ganz aus der Luft gegriffen, schließlich birgt der Karl-Dingshammer Platz Mythen und Geheimnisse und er strotzt geradezu mit Energie, die er in seinem Romanentwurf „Vom Rauschen der Bäume“ kanalisieren wird. Hier also bewältigen die Protagonisten in ihren gesellschaftlichen Nischen den Alltag.

Auch wenn der Anblick von Giebel nicht gerade an Adonis erinnert, stellt er seinen Körper gerne dem Künstler Max für pointilistische Akte zur Verfügung – in der stillen Hoffnung der ebenfalls pointilistisch verewigten Blumenhändlerin Lydia näher zu kommen. In der Privatarztpraxis ist Giebel zwar der einzigste Kassenpatient, geniest aber dafür beim stundenlangen Sitzen im Wartezimmer den Blick auf den Blumenladen. Mit dem Kneipenwirt würfelt Giebel, der pensionierte Ehetherapeut will nicht mehr zuhören, bietet aber stattdessen sein mobiles Laminiergerät für wichtige und vor allem unwichtige Schriftstücke an. Der italienische Cateringspezialist hadert mit den Frauen und bemüht dazu bemerkenswerte Assoziationen. Ein Mann hat vier Schubladen im Kopf. Je eine für Beruf, Privates, Gefühle und für den Sinn des Lebens. Immer nur eine kann geöffnet sein, sonst droht Gefahr. Eine Frau hingegen hat 40 Schubladen, alle sind geöffnet und alles ist gut. Der Kioskbesitzer hingegen sammelt für Giebels Roman und begleitet den Gang über den Karl Dingshammer Platz mit dem täglich gleichen Witz. Auch die Geschichten mit denen der Drogeriebesitzer seinen Umsatz ankurbelt sind alt, uralt! Doch solch ein Geschäft vom alten Schlag muss man unterstützen, „das muss es einem was wert sein“ so Giebel. Dann wäre da noch der Penner Klaus auf der zentralen Parkbank, neben dem Giebel beim Melodienraten seine friedlichsten Momente verbringt. Diese illustre Schar führt Giebel zum kleinen Showdown zusammen, als unerwartet und tragisch der Künstler stirbt. Immerhin, sein Akt hängt jetzt tatsächlich neben dem Akt von Lydia und vielleicht wird auch nicht alles, aber doch manches gut.

Der andere Typus Mensch, der Gegenpol zum Mikrokosmus des Karl-Dingshammer Platzes, das sind die ach so cleveren Durchblicker, die immer früh buchen, die besten Schnäppchen machen, zu den versiertesten Ärzten gehen und natürlich – jeden Winter mit den Kumpels eine urige Woche auf der Hüttn in den einsamen Bergen verbringen. Das also sind für Giebel die Gegenwartsprotagonisten mit den berühmten drei „G“, weil sie alles irgendwo gelesen, gehört oder gesehen haben. Ihnen schmettert er ein bajuwarischen „Gehgehgeh“ entgegen, mit dem er abgehobene Lebensillusionen zurück auf den Boden der Tatsachen holt.

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