Chris Boettcher bei Kultur am See

 

Chris Boettcher erobert die Herzen der Waldseer im Handstreich

Ausverkauftes Haus bei positiver Glücksstatistik

erschienen in der Schwäbischen Zeitung vom 13.11.2017, Ausgabe Bad Waldsee – Aulendorf

 

Eine ausgelassene Stimmung der Glückseligkeit herrschte am Freitagabend im Haus am Stadtsee, das mit über 300 Besuchern restlos ausverkauft war. Mit dem Münchner Musikkabarettist Chris Boettcher hatten die Veranstalter von Kultur am See wieder einmal eine wahre Perle bester Unterhaltung nach Bad Waldsee geholt. Im Handumdrehen hatte der Schöpfer des Wiesn Hits „1o Meter gehn“ die Herzen des Publikums erobert, ein Publikum das auf Zack war und alle Möglichkeiten zum Mitklatschen und Mitsingen begeistert nutzte. Mag es stimmungsmäßig den Anschein haben, dass Boettcher in der Welt der Bierzelte zuhause ist, so haben seine Texte durchaus Tiefgang, der in angedeuteten Reimen auch deutlich unter die Gürtellinie reicht.

„Schluss mit frustig“ ist der Titel des aktuellen Programms und es war nicht zu viel versprochen, wenn es heißt „Lach kaputt, was dich kaputt macht“. Nochmals zurück zur Wiesn – Boettcher hatte die charmante Vorstellung, den G8 Gipfel in ein Bierzelt zu verlegen, die Mächtigen der Welt schunkeln gemeinsam und jeder darf sich ein Liedchen wünschen. Der US-Präsident singt „Sex Trump“ (Original Sex Bomb von Tom Jones), Erdogan lobpreist seinen eigenen Namen (Original Dschinghis Khan von der gleichnamigen Gruppe), der Ungar Orban schmettert „Ein Zaun der meinen Namen trägt“ (Original von DJ Ötzi, Ein Stern, der….) und Nordkoreas Diktator Kim Jong-un nimmt sich den Udo Jürgens Hit zur Brust, der aus seiner Sicht am besten passt „Ich schoss noch niemals auf New York, ich schoss noch niemals nach Hawai…“. Die Politparodien gehen natürlich auch etwas lieblicher, wie zum Beispiel die flammenden Liebeschwüre zwischen Angie und Francoise zur Melodie von Je t´aime. Die Show von Boettcher ist schnell, direkt und doch stets von einer unbekümmerten Leichtigkeit, deren Sogwirkung man sich gerne hingibt. Wesentliche Bestandteile sind die Musik und die Parodie, die idealerweise kombiniert werden und manchen Altstar nochmals ins Scheinwerferlicht der Waldseer Kleinkunstbühne rücken. Für die Aktion “Band Aid der guten Laune” versammelt Boettcher Heino mit rosaroter Brille, einen total entspannten Udo Lindenberg, die Gruppe Rammstein die sich fortan Bimsstein nennt, Peter Maffay mit seinem kleinen Tabaluga und den Grönemeyer, bei dessen Lauten und Texten sich Boettcher nach wie vor nach dem tieferen Sinn fragt. In einer Altrocker-WG treffen Maffay, Lindenberg und Grönemeyer erneut zusammen und erstaunlich vielschichtig sind die Originalliedtexte der drei, mit denen sie ihren Alltag bewältigen.

Den, also den Alltag, hat auch Boettcher fest im Blick. Als Vater weiß er, was es heißt pubertierende Kinder zu haben. „In der Pubertät“ ist ein Lied, das aus Elternsicht sehr plakativ den Wandel vom lieben Kind zum Puber-tier veranschaulicht und zum kräftigen Applaus der Wissenden führt. Doch alles hat sein Gutes und so lautet die letzte Strophe „Die Pubertät ist vom lieben Gott so g´wollt, damit uns Eltern der Abschied nicht ganz so schwer foalt“. Für das weitere Werden jedoch ist die Pubertät nicht mehr relevant, denn Boettcher zeigt an prominenten Beispielen, dass die spätere Kariere oft schon unmittelbar nach der Geburt erkennbar war. Dieter Bohlen hatte ein Geschrei, das „Mega-Scheiße“ war, Beckenbauers Geburt war ein Kaiserschnitt, Stoibers erstes Wort war ein langes „Ääääh“ und Seehofer konnte schon damals den Hals um 360° drehen.

Zweifelsohne die Krönung der Schöpfung sind die Mannsbilder, zwar manchmal arg wehleidig und mit erklärungsbedürftigen Verhalten am Vatertag, doch Boettcher schmettert eine Hymne und besingt die Gnade des richtigen Geschlechts – I bin a Moa! Die Fußballer der Bundesliga bis hinauf zu Sepp Blattner kriegen im Laufe des Abends genauso ihr Fett weg, wie der schwedische Möbelkonzern, die Stars der Volksmusik und jeder Deutsche sowieso – sind wir doch ein Volk, dass es bei den Glückstatistiken nie auf den vorderen Plätzen zu finden ist. Hätte man die Besucher am Ende des Abends gefragt, dann wäre das Ergebnis aber ganz anders ausgefallen – sicher!

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