Figurentheatertage in Bad Waldsee

Loslassen, eintauchen und dann fasziniert staunen – Figurentheater in Waldsee

veröffentlicht in der Schwäbischen Zeitung am 20. März 2017, Ausgabe Bad Waldsee – Aulendorf

Ausverkaufte Vorstellungen bei den dritten Waldseer Figurentheatertagen

Mit ausverkauftem Haus, die Karten gingen fast alle im Vorverkauf weg, waren die beiden Veranstalterinnen Veronika Degler und Angelika Jedelhauser höchst zufrieden. Die Kulturform Figurentheater hat sich bei der dritten Auflage des Theaterfestivals etabliert und erfreut sich quer durch alle Altersschichten einer großen Beliebtheit. Mit dem Spitalkeller, dieses Jahr erstmals mit gestuften Podesten für die Zuschauer, hat man einen Veranstaltungsraum, der in einem vernünftigen Größenverhältnis zwischen Zuschauern und Hauptdarstellern steht. Die Hauptdarsteller sind in dieser Betrachtungsweise nicht die Menschen, sondern die von den Thetermachern kreierten Figuren – Figurentheater eben! Scheinbar leblose Puppen werden im Laufe des Stücks von den Theatermachern nicht nur animiert, sie erhalten Geist, Esprit und Charakter die das Publikum genauso in den Bann ziehen wie reale Schauspieler. Da macht es auch keinen Unterschied, ob es sich um Kinder oder Erwachsene handelt. Für beiden Altersgruppen hatten die Veranstalter im dreitägigen Programm spannende Angebote. Veronika Degler mit ihrem Faro-Theater zeigte mit dem Kinderstück „Gans der Bär“ rund 40 Kindern und 30 Erwachsenen wie leicht etwas ganz anders sein kann, als man es gewohnt war. Die kleine Gans schlüpft aus dem Ei und sieht als erstes den Bären – also die Mama. Zwar versucht dieser dem Winzling klar zu machen, dass er beileibe nicht die Mama ist, aber 40 lustige Minuten später muss der Bär einsehen, der winzige „Schnabelbär“ kann alles was Bären können, genauso gut oder, er gibt es ungern zu, sogar besser. Der Einfallsreichtum mit dem Degler Kulissen zaubert und ihren Figuren Menschlichkeit einhaucht, findet sich natürlich auch bei Frieder Kräutler vom Puppentheater Gugelhupf. Er verführte am Samstagabend mit dem Stück Die Bettleroper rund 60 Besucher in die raue und finstere Londoner Unterwelt des 18. Jahrhunderts. Ein Theaterstoff, der erstmals 1728 von John Gay als Beggars Opera auf die Bühne gebracht wurde und in Deutschland dann später in der Bearbeitung von Bertholt Brecht und Kurt Weil als Dreigroschenoper bekannt wurde. Die Geschichte der Handlung also ist nicht ganz unbekannt, doch die Inszenierung mit rund 30 Zentimeter großen Holzpuppen war eine neue Erfahrung, die sich als schnell, spannend mitreißende und musikalische Neuentdeckung darstellte. Wie auch schon bei Gay und Weil, so war auch bei Kräuter die Musik ein individuelles Erkennungszeichen. Mit Akkordeon, Mundharmonika, Flöte und diversen Schlaginstrumenten bedient sich Kräuter vor allem aus dem Repertoire des Blues, lässt aber je nach Situation auch mal einen Tango oder Walzer erklingen. Im Spiel agiert Kräuter immer wieder mit seinen Protagonisten und steht ihnen hilfreich zur Seite, wenn die Situation verfahren erscheint. Mehr als einmal freuen sich der Advokat Mr. Peachum, seine Frau und der Frauenheld Macheath über einen kräftigen Schluck aus Kräuter´s Flachmann. Die Sitten im alten London waren rau, die verliebten Weibsbilder verhalten sich töricht und der Frauenheld Macheath besiegelt sein eigenes Schicksal mit eben diesen, denn neben den töricht verliebten Töchtern Lucy und Polly liebt er auch die Huren, die ihn an seine Widersacher verraten. Tod am Galgen oder Bigamie mit Lucy und Polly als Happyend? Nach 70 mitreißenden Minuten die von schneller Handlung, witzigen Dialogen und einfühlsamer Musik geprägt waren, sind die Zuschauer begeistert. Ein gutes Dutzend Holzmänner und Frauen sowie ein einziger Sprecher – mehr braucht es nicht um zu zeigen, dass Figurentheater auch ganz großes Theater sein kann.

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