Katie Freudenschuss

Authentische Poetin zu Gast in der Stadt der Liebe

Wenn kompliziert sein richtig ist – Katie Freudenschuss bei Kultur am See

Erschienen in der Schwäbischen Zeitung vom 25.03.2019

Sie ist sprachgewaltig, musikalisch, entlarvend und authentisch. Mit dem Blick für das gewisse Etwas registriert Katie Freudenschuss das Leben und packt alles zusammen in ein wunderschön poetisches Programm, mit dem sie am Freitagabend bei Kultur am See die 150 Besucher in verzückte Begeisterung versetzte. Nicht alles glänzt, was im Scheinwerferlicht steht, aber mit Freudenschuss haben die Veranstalter der Waldseer Kulturreihe eine bemerkenswerte Perle der Kleinkunst in die Kurstadt geholt, die kurz davor steht, als „Stadt der Liebe“ mediale Aufmerksamkeit zu erlangen.

Freudenschuss spannt ihren Bogen weit und trifft, egal welches Ziel sie im Visier hat, mit einer Direktheit die hart an die Grenze geht, aber niemals übergriffig oder verletzend wird. Der derzeitige Präsident der USA bietet wahrlich eine breite Front, an der sich Kabarettisten austoben können. Freudenschuss wählt hier einen subtileren Weg, der in seiner Wirkung umso fataler ist. Mit Freudenschuss lauschen die Besucher einem Telefonat von Melania Trump, die ihrer Schwester Ines das Herz ausschüttet und mit der Liedzeile „Stand by your man, and show the world you love him“ ein äußerst nachdenkliches Resümee des Lebens als First Lady zieht.

Es ist alles nicht so einfach, vielleicht sogar kompliziert, vielleicht sind es aber auch die Leute oder ist es gar die Künstlerin selbst? Mit dem aktuellen Programm „Einfach Compli-Katie“ geht Freudenschuss diesen Fragen nach. Dabei helfen ihr die ehrlichen und offen revolutionären Gedanken in einem Tagebuch aus den Fünfzigern. Sie bieten Einblicke in eine weit entfernte Zeit und liegen doch in vielen Bereichen gleich um die Ecke. Die Protagonistin im Tagebuch geht eine Vernunftehe ein und verliebt sich später in den Briefträger -eine einfache Geschichte, aber warum ist das Leben und die Liebe denn so kompliziert? Weil wir uns fragen, was Google nun wieder für ein Bild von uns hat, denn die personalisierte Werbung sollte doch angeblich genau unseren Bedarf decken – jetzt mal kurz nachdenken was so im Email Postfach landet. Doch die vernetzte Welt bietet für Freudenschuss auch Vorteile, kann man sich doch bequem vom Sofa aus engagieren: Stoppt! Dagegen! Dafür! – die online Petitionen sind im Lied „Ein Klick“ die moderne Form des Ablassbriefes. Was hingegen nicht so bequem ist, ist die Pflege der medialen Existenz. „Ich bin dabei und ich bin es leid“ bekennt Freudenschuss dem Publikum und erwähnt nur so nebenbei, dass der Postingdruck in den sozialen Medien zu viel wird. 247 Fotos habe es letztlich gebraucht, nur um zu vermitteln, dass einfach mal Chillen am See angesagt ist. Wirklich entspannen durften sich dann Bodo und Maria, die in knappen Fakten ihre Liebesgeschichte verrieten und dafür von Freudenschuss mit einem spontanen, personalisiertem Liebeslied beschenkt wurden. Die Schönheit der deutschen Sprache hat es Freudenschuss angetan. Das zeigen ihre Texte, die pointiert treffen und nicht von fremdwortgespickten Slogans in die Absurdität abdriften. Absurdität geht auch mit Menschheitsmythen, wie die genauere Betrachtung des Selbstmordattentäterparadieses mit den 72 Jungfrauen zeigt. Sie gipfelt im „Virgins Song“ mit dem Refrain „Entjungfer mich singt es von allen Seiten“. Zu Recht mag man da in das Freudenschusslied „Was wäre wenn?“ einstimmen und bevor man erst hinterher schlauer ist, bereits jetzt das zu tun, was richtig ist. Auch wenn es kompliziert ist, für Freudenschuss ist das ein Traum, dem sie mit ihrer schönen, ausgereiften Stimme im Lied „Complicated“ Ausdruck verleiht.

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