Er darf gerne noch eine zweite Sinfonie komponieren
Das 50-köpfige Orchester Neue Philharmonie bescherte den rund 275 Besuchern im Haus am Stadtsee am Samstagabend ein faszinierendes Konzerterlebnis. Ein Querschnitt aus Tschaikowskys Nussknacker und die Premiere von Lutz Schumachers erster Sinfonie waren opulente Werke, die geradezu nach einer orchestralen Besetzung im Format der Neuen Philharmonie unter dem Dirigat von Stefan Malzew verlangten.
Premieren sind naturgemäß eine spannende Sache und so wurde auch die Aufführung von Schumachers erster Sinfonie im Zuge der Konzertreihe „Schwäbische Klassik Sterne“ mit Spannung erwartet. Dieses Konzertformat der Schwäbischen Zeitung in Verbindung mit dem Selbstverständnis der Neuen Philharmonie bringt hochklassige Musik in Regionen, in denen die Struktur für Konzerthäuser mit eigenem Orchester nicht gegeben ist. In der aktuellen Konzertreihe waren die Musiker erneut in Bad Waldsee zu Gast. Es überrascht also nicht, dass alle 275 Plätze ausverkauft waren. Unter den Besuchern waren nicht nur „viele mit silbernem Haar, wie eine Dame im Gespräch mit der SZ feststellte sondern auch der 19-jährige Benjamin aus Altheim bei Riedlingen. Als bekennender Klassikfan war ihm der Nussknacker natürlich bekannt, „aber ich habe ihn noch nie live gehört und musste diese Chance nutzen“. Die Zeit vor der Pause gehörte dem Nussknacker, die Zeit nach der Pause der Sinfonie Nr. 1 von Lutz Schumacher, der übrigens auch die gesamte Veranstaltung in charmant gewinnender Art und sehr gut akzentuierter Rhetorik moderierte. Die SZ wollte von ihm wissen, welche Gefühle ein Komponist erlebt, wenn die eigene Sinfonie von einem großartigen Orchester wie der Neuen Philharmonie aufgeführt wird. „Es ist Wahnsinn“ ist Schumacher begeistert und obwohl er sein Stück in dieser Konzertreihe nun schon ein paar Mal gehört habe, sei es jedes Mal ein unwirkliches Gefühl. „Die ganzen Phasen der Entwicklung hat man da nochmals vor dem geistigen Auge“. Auch für die Musiker aus 20 verschiedenen Ländern ist solch eine Uraufführung einer Sinfonie eine spannende und herausfordernde Sache. Die beiden Trompeter Barna und Ido schätzen gerade die direkte Beziehung zum Komponisten. „So wissen wir genau, was sich Schumacher bei seiner Komposition gedacht hat, bei Tschaikowsky wissen wir das nicht.“
Von Peter I. Tschaikowsky wurde ein Querschnitt aus seinem Weihnachtsballett „Der Nussknacker“ aufgeführt. Zwar ohne Balletttänzerinnen und –tänzer, dafür aber bildhaft illustriert durch Schumachers Moderation. So war es kein Problem, sich zur fulminanten Musik die Szenen der Weihnachtsfeier in der Familie von Klara, den Kampf zwischen Mäuseheer und Zinnsoldaten oder die rauschenden Tänze im Reich der Zuckerfee vorzustellen. „Beim Blumenwalzer hätte ich am liebsten selber mit meinem Nebensitzer getanzt“ zeigte sich Anita Opiz in der Pause begeistert. Karl-Heinz Fluhr hingegen war fasziniert, wie alles ineinander floss und wie gut man in die Welt des Nussknackers eintauchen konnte.
Mit der Sinfonie Nr. 1 in C-Dur von Lutz Schumacher ging es nach der Pause weiter. Mit symphonisch kraftvoller Musikalität knüpften die vier Sätze der Sinfonie nahtlos an Tschaikowskys Nussknacker Ballett an. Der entscheidende Unterschied aber lag darin, dass der Nussknacker ein Märchen ist, Schumacher hingegen mit musikalischen Bildern aus seinem bewegten Leben erzählt. So lebendig und vielfältig wie die gesprochene Erzählung ist auch die musikalische Komposition in der fragmentarisch nicht wenige Musikstile und –stücke zitiert werden. Filmmusik, Bigband, Schlager, epische Naturklänge – es ist viel geboten und der aufgebaute Spannungsbogen wird bis zum Schluss gehalten. Bernadette Behr, als ehemalige Chorleiterin musikalisch sattelfest, lobt im Gespräch mit der SZ „die facettenreiche Instrumentierung der Sinfonie, die interessante, zuweilen überraschend eindrücklichen rhythmischen und harmonischen Elemente“ und ist begeistert vom fulminanten Finale.
Mario Pfob, Leiter der Jugendmusikschule in Bad Waldsee war angetan von der Emotionalität des zweiten Satzes, den Schumacher als Requiem bezeichnet, da er sich mit dem Abschied der geliebten Oma musikalisch auseinandersetzt. Pfob hat die Kombination aus Nussknacker und Sinfonie Nr. 1 als sehr gelungen empfunden und resümiert final „Er darf gerne noch eine zweite Sinfonie schreiben!“
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