Severin Groebner

Severin Groebner und die drei ??? der Wiener

Exakte, feinziselierte Einblicke in ein Leben voller Krisen

 

veröffentlicht in der Schwäbischen Zeitung vom 02.10.2017, Ausgabe Bad Waldsee-Aulendorf

Severin Groebner, laut eigenen Bekundungen Kabarettist, Schauspieler, Autor, Maulheld usw., also schlicht ein Phänomen, trat am Samstagabend bei Kultur am See vor gut 120 Zuschauern auf. Mit seinem Best-of Programm „Mich hätten sie sehen sollen“ gewährte er Einblicke in seine 20-jährige Bühnenpräsenz, die geprägt ist durch genaue Beobachtung der Umwelt und der Mitmenschen. Mit ausdrucksstarker Mimik und fein geschliffener Wortakrobatik legt Groebner menschliche Abgründe bloß. „Bin ich im Paradiese, wittere ich die Krise“ singt Groebner und zeigt 100 Minuten lang deren Vielfältigkeit auf.

Oktoberfest, Karneval und als österreichisches Gegenstück der Wiener Opernball – allesamt anarchische Auswüchse der Volksgemütlichkeit mit dem feinen Unterschied, „dass sich in Wien die Obrigkeit feiert und sich dabei der Lächerlichkeit preisgibt, während sich in Deutschland das Volk über die Obrigkeit lächerlich macht und sich dabei der Würdelosigkeit preis gibt“. Wobei, auch das gibt Groebner zu bedenken, „Gemütlichkeit geht nur, wenn alle einer Meinung sind“. Ist das nicht der Fall, schlägt das aufs Gemüt und dann wird’s ungemütlich. Ein Zwang also zur deutschen Gemütlichkeit, den Groebner im Lager der AfD verortet. Die meiste Zeit aber gibt sein Programm Einblicke in die österreichisch-wienerische Seele und die kennt praktischerweise die Monster des Alltags – jene Wesen also, die für die schlechten Eigenschaften verantwortlich sind. Beispielhaft stellt er das Monster der Vergesslichkeit vor. Inhaltsloses Gestammel angesichts des Vergessens aller informationstragenden Begriffe wird kompensiert durch Mimik und Gestik, eine schauspielerisch durchaus beachtliche Leistung. Auch die Wortkombinatorik mit der Groebner seinen Phantasien freien Lauf lässt, abstruse Geschichten erzählt und Pressekolumnen vorträgt, zeugen von einer gewissen Genialität und entführten die Besucher in die Vortragskultur des Poetry Slam. Nachhaltig intoniert war die Begegnung mit Klaus-Maria Brandauer und der daraus resultierenden, tiefschürfenden Erkenntnis über die Funktionen des Showbiz. Dass es immer auf die Deutschen zurückfällt, wenn sich Österreicher im Ausland schlecht benehmen ist „eine bittere Pointe, aber die Wahrheit“ so Groebner. Apropos Urlaub – mit bitterzynischem Text und einer beschwingten Melodie legt Groebner den Finger in die Wunde so mancher Urlaubsvorlieben. Denn eine Umfrage habe ergeben, dass Sicherheit im Urlaub am wichtigsten ist, also die Sicherheit für den Urlaubenden. Ob aber ringsum eine rigide Diktatur herrscht, spielt offensichtlich eine untergeordnete Rolle. Eine gewisse Heiterkeit hatte die Geschichte vom Tontechniker inne, der nach Jahren massentauglicher, musikalischer Volks- und Heimattümelei rebelliert und mit brachialen Einspielungen von Rammstein „neue Publikumsschichten erschließen will“.

Die szenischen Geschichten von Groebner waren zweifelsohne genau beobachtet, überwiegend jedoch durch die graumelierte Brille des poetischen Zynikers. Das Best-of des nach Deutschland emigrierten Wieners öffnete den Blick durch ein Fenster auf die Wiener Seele und den Wiener Humor, der jedoch manch fragendes Stirnrunzeln zurück ließ.

Beiträge

Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.