Amviehtheater Bandscheibenvorfall

Ich will sein dürfen was ich bin – kaputt

Spektrum K glänzt mit bitterböser Komödie Bandscheibenvorfall

veröffentlicht in der Schwäbischen Zeitung vom 01.04.2019

Das Thema ist aktuell. Jeder im Publikum glaubt gleiche oder ähnliche Geschehnisse zu kennen, wie sie von den acht Akteuren der Theatergruppe des Waldseer Kulturvereins Spektrum K meisterhaft in Szene gesetzt wurden. Premiere gleich im doppelten Sinne war am Samstagabend. Mit dem Stück „Bandscheibenvorfall – Ein Abend für Leute mit Haltungsschäden“ von Ingrid Lausund hatte das Amviehtheater erstmals die Klinik im Hofgarten als Spielort gewählt – ein Haus in dem bekanntlich Patienten mit Rückenleiden kuriert werden. Doch dies ist eine völlig falsche Fährte, auf die Produzent Hans Ehinger sein Publikum lockte.

Tatsächlich finden sich die 100 Premierenbesucher im Wartebereich vor dem Büro des Chefs. Welcher Chef? Man erfährt es nicht. Alle Rollen bleiben an diesem Abend namenlos. Die Schauspieler verkörpern Charaktertypen und der Chef selber – er wird spür und sichtbar durch ein großes rotes Leuchtschild mit der Aufschrift CHEF und einer lauten, schräg krächzenden Schnarre, die wirklich alles andere als angenehm klingt. Regisseur Brian Lausund beschreibt den Chef im Gespräch mit der SZ wie ein Monster im Horrorfilm, das gerade deshalb bedrohlich ist, weil man es nicht sieht. Dieser Chef dominiert den anonymen Laden, lässt seine Untergebenen antanzen und jeder, egal welcher Charaktertyp es auch sein mag, also jeder kriegt sein Fett ab. Zugegebenermaßen eine Individualbehandlung bei der einer zur Witzfigur degradiert wird, der nächste geschlagen wie ein Hund davon winselt und die dritte hinterrücks gemeuchelt wird. Diese namenlose Masse von Mitarbeitern lässt sich eigentlich nur durch Typisierung erfassen, wodurch man sich aber ganz gut mit den Umtrieben im fiktiven Betrieb vertraut machen kann. Da wäre zunächst einmal die Hübsche (Melanie Haug), die vor dem Spiegel ihre Körperkontrolle optimiert. Sie sagt zwar Nein, hat dabei aber ein schlechtes Gewissen und findet ihren Kollegen übergriffig, als er nach dem Kugelschreiber frägt. Doch gleich darauf ist schon wieder Platz für andere Gefühle. Die gelten dem freundlichen Ehrgeizling (Mario Pfob)  mit der Insektenphobie der in atemberaubendem Tempo die Fronten wechseln kann. Die Verständige (Jenny Koch) spendet Trost und hat gute Ideen. Doch das nützt überhaupt nichts, denn wie eine Hundemeute stürzen sich Kollegen darauf. „Das ist jetzt der Konflikt“ stellt die Verständige fest. Der Choleriker (Bertram Hochdorfer) ist der skrupellose Ideendieb, dem Habgier und Korruption wohlvertraut sind und der auch ganz gerne mal die Platzhirschrolle einnimmt. Die Ulknudel (Wiltrud Fach) lernt Witze auswendig und legt bei Bedarf auch mal eine Yogaübung ein. Der Gutmensch (Christof Bader) glaubt er sei ein cooler Spielertyp, doch tatsächlich dient er als Spielball der nach Lust und Laune vom Kollegen geohrfeigt wird. „Ich will wieder aufrecht gehen, ich will wieder meine Wirbelsäule haben“ lamentiert er folgenlos. Der Schlägertyp und Ellenbogenkämpfer (Wolfram Albinger) geht seinen Weg und räumt beiseite was stört. Bluffen, verunsichern, drohen und koalieren sind sein tägliches Einmaleins, das einzig durch die Präsenz der Kindheitserinnerungen ins Wanken gerät. Eine dramaturgisch beeindruckende Szene, in welcher der Ellenbogenkämpfer in einem Meeting total versagt, derweil ihm die Eltern aus stehenden Särgen im Hintergrund penetrant seine Unfähigkeit und Undankbarkeit ins Gewissen schreien. Seine direkte Konkurrentin ist die Eiskalte (Sabine Jenkner), die mit ihm auf Augenhöhe kämpft. Ein spannender Kampf, bei dem das Publikum sowohl die Gedanken der Kontrahenten zu hören bekommen, wie auch deren geheuchelten Dialog. Die Eiskalte ist gefangen in einem Wenn-Dann Hamsterrad, das Belohnung nach Leistung verspricht. „Ich will sein dürfen was ich bin – kaputt“ ist ihr Resümee, das eigentlich für die ganze Mannschaft gilt. Mit einem einmütigen „So geht´s gar nicht“ mucken sie auf gegen die Chefmacht, versuchen sich in der Kündigung.

Das diese überzeichnete Vorhölle sogar noch ein versöhnliches Finale findet, ist die Kunst des Theaters und die ansteckende Spielfreude des Ensembles von der man sich bei den weiteren Aufführungsterminen überzeugen kann.

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