Bürgerinfo Krankenhaus Bad Waldsee

Im Notfall hilft die Smartphone App

Drei Stunden lang wurde intensiv und fair über die Krankenhäuser im Kreis diskutiert

veröffentlicht in der Schwäbischen Zeitung vom 14.05.2022

Die Besucherzahl bei der Informationsveranstaltung der OSK zum Zukunftsprogramm der Gesundheitsregion Oberschwaben am Donnerstagabend in der Durlesbachhalle blieb mit 90 interessierten Bürger und Bürgerinnen übersichtlich. Diese jedoch argumentierten während der mehr als zweistündigen Diskussion engagiert für den Erhalt des Krankenhausstandortes Bad Waldsee. Ob sie dabei die Rolle der „nützlichen Idioten, die man gefragt habe“, übernommen haben, wie es in einem Redebeitrag vermutet wurde, bleibt offen. Landrat Harald Sievers jedenfalls war anderer Meinung und betonte ausdrücklich die Wichtigkeit der kritischen Fragen, die in den weiteren Abstimmungsprozess mit der Beraterfirma und schließlich auch in die Kreistagsentscheidung einfließen werden.

Neben Sievers standen Rede und Antwort Franz Baur (Kreiskämmerer), Oliver Adolph und Michael Schuler (beide Geschäftsführer der OSK), sowie Meike Thun und Achim Momm (beide vom BAB Institut, welches das Gutachten erstellte).

Thun hatte für ihr Gutachten eine Vielzahl statistischer Daten zusammen getragen, aufgrund derer sie die Situation der drei OSK-Standorte Wangen, Ravensburg und Bad Waldsee analysierte – an die Zuhörer hingegen wurden im Laufe des Abends mehrmals appelliert, in ihren Redebeiträgen die drei Standorte nicht gegeneinander auszuspielen.

Bei vielen Fragen war Thun die erste Ansprechpartnerin, da ihr Büro die vieldiskutierten vier Zukunftsszenarien generiert hat (die SZ hat die Szenarien bereits ausführlich vorgestellt. Das favorisierte Szenario 3 sieht für Bad Waldsee ein medizinisches Versorgungszentrum = MZV vor). Dass die Waldseer und Aulendorfer aber zukünftig bei Verletzungen mittels einer App die erste Notversorgung in Eigenregie durchführen könnten, sorgte dann trotz aller Fairness der Besucher für den einen oder anderen hämischen Zwischenruf.

In der Problemanalyse, in der es übrigens keinen Punkt gab, der am Waldseer Krankenhaus für gut befunden wurde, zeigte sich, dass Thun eine starke Identifikation mit der OSK entwickelt hat, war doch sehr oft von „wir“ die Rede. Für die Zukunft eines MZV in Bad Waldsee hingegen gelte „Das ist kein Selbstläufer, da muss eine Menge getan werden“ – also keine Rede mehr von „wir“. Für etwas Verwirrung sorgte eine impulsive Abwehrrede Thun´s, dass sie keine Gefälligkeitsgutachten erstelle. Es zeigte sich aber, schnell, dass ein Missverständnis vorgelegen war.

Mit launigen Antworten übernahm Geschäftsführer Adolph die Rolle des bad boy und scheute sich auch nicht einen Arzt seines Hauses nach kritischen Beiträgen stante pede wieder aufs Gleis zu setzten.

Neben einer kämpferischen Rede von OB Matthias Henne für den Gesundheitsstandort Bad Waldsee meldeten sich im Laufe der über zweistündigen Frage- und Diskussionsrunde zahlreiche Bürger, die engagiert und – so Sievers in seinem Schlusswort – fair um den Fortbestand des Krankenhauses in Bad Waldsee rangen. Wiederholt wurde bemängelt, dass der ausgemachte Trend zu verstärkter ambulanter Behandlung mit einer stets älter werdenden Bevölkerung schwerlich funktioniere, da diese meist nicht über die Möglichkeiten zur nötigen Autarkie verfüge. Viel Zustimmung erntete Thomas Bertele von der BI Krankenhaus Bad Waldsee für sein Plädoyer „Sie hantieren mit Zahlen, aber entscheiden über Menschen“.

Konzentrierte Aufmerksamkeit erntete Kreiskämmerer Baur mit seinen Betrachtungen, zum reichen Landkreis Ravensburg, der, so Baur, natürlich nur so reich ist wie seine Bürger. Das Gesundheitswesen sei einer von vielen Bereichen, für die der Kreis Verantwortung trage, egal ob Schulen, Nahverkehr oder die Energiewende. Der Landkreis Ravensburg stelle sich den Aufgaben, auch der Aufgabe Krankenhaus, während andere Kreise die Gesundheitsversorgung privatisieren. „Das wäre einfacher“, so Baur.

Die vielen Redebeiträge und Fragen zeigten jedoch, dass es den Referenten auf dem Podium nicht so richtig gelungen ist, den Zuhörern klar zu machen, warum jetzt die bestehende Krankenhausstruktur im Kreis geändert werden muss. Das Geld sei es nicht, aber das über die Kreisumlage finanzierte Defizit müsse reduziert werden. Die bauliche Situation sei nicht zukunftsfähig, aber vor allem deshalb, weil es in den zurückliegenden Jahren Versäumnisse gegeben habe. Das Personal hingegen stehe im Mittelpunkt, also vor allem das fehlende Personal aufgrund des Fachkräftemangels, denn ohne selbiges ist eine vernünftige medizinische Versorgung der gesamten Kreisbevölkerung nicht möglich.

Landrat Sievers sprach von einer vermeintlichen Widersprüchlichkeit vor der die Kreisräte in der anstehenden Entscheidung stehen werden. Am Ende werden sie ein Szenario wählen, dass nicht auf dem Papier, sondern in der Praxis funktionieren muss.

Resümierend kann man feststellen, dass die Informationsveranstaltung von Momm gut strukturiert und geleitet wurde. Zeitdruck entstand nie und auf alle Fragen der Bürger wurden vom Gremium Antworten gegeben. Die Technik funktionierte, was auch nicht immer selbstverständlich ist.

Stimmen und Sätze des Abends:

Wir fordern den Aufbau verlässlicher Strukturen, bevor es zu Schließungen kommt (OB Matthias Henne)

Jeder Mitarbeiter in Bad Waldsee hat einen Plan B in der Tasche. Man wird zukünftig sicher einige von uns auch am Standort Wangen antreffen – aber als Beschäftigte einer Leiharbeitsfirma zu den doppelten Kosten. (Karl Schmidberger)

Wer bestimmt das Gesundheitswesen, das niemand will? (Roland Schmidinger)

Das Gutachten ist ein Werk, in dem sich Fachleute ernsthaft Gedanken gemacht haben (Harald Sievers)

OSK Mitarbeiter brauchen keine schnelle, sondern eine gute Entscheidung (Horst Gehring)

Lassen Sie die Kirche im Dorf, lassen Sie die Endoprothetik in Waldsee (Horst Gehring)

Es geht immer darum Doppelstrukturen abzubauen (Oliver Adolph)

Doppelstrukturen sind wichtig, deshalb diskutieren wir auch nicht über Szenario 4 (Harald Sievers) (Anm.d.Red: Szenario 4 sieht auch die Schließung des Standorts Wangen vor)

Ich glaube ich habe die Frage beantwortet (Oliver Adolph)

Dieser Abend hat schon Wirkung (Harald Sievers)

In zehn Jahren sehnen wir uns nach kleinen Krankenhäusern (Konstantin Eisele)

Es ist mehr als deutlich geworden, dass die Waldseer ihr Krankenhaus behalten wollen (Harald Sievers)

Mit dem Krankenhaus Bad Waldsee wird auch die Kurlandschaft zerschlagen (Josef Zell)

Das Thema Gesundheitsversorgung hat einen Zumutungscharakter. Dieser Abend hat vermutlich niemand Spaß gemacht (Harald Sievers)

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