Narrenmesse und närrische Prozession 2022

Narrenmesse, fromme Stockrunde und 99 Luftballons

250 Gläubige surfen auf der Welle der 80-er Jahre

veröffentlicht in der Schwäbischen Zeitung vom 28.02.2022

Nach dem Kinderumzug ist auch die Narrenmesse ein Relikt der traditionellen Fasnet, das sich als letzte Bastion gegen die pandemiebedingte Frustrationswelle stemmt. Rund 250 Gläubge versammelten sich am Sonntagmorgen bei strahlend blauem Himmel und eiskalten Ostwind auf der Hochstatt. Es gelang ihnen zusammen mit Pfarrer Stefan Werner und Pastoralassistent Andreas Hund in einem respektvollen Nebeneinander aus närrischem Frohsinn und anteilnehmender Rücksichtnahme auf die Kriegsopfer der Ukraine Gottesdienst am Fasnetssonntag zu feiern.

Vielleicht einer der bewegendsten Momente an diesem Sonntag war der Abschluss der närrischen Prozession auf dem Kirchplatz vor St. Peter. 99 bunte Luftballons stiegen in den blauen Himmel empor und über die Lautsprecher tönte Nena´s gleichnamiges Lied aus dem Jahr 1983, in dem es heißt „Neunundneunzig Kriegsminister, Streichholz und Benzinkanister, hielten sich für schlaue Leute, witterten schon fette Beute, riefen: „Krieg!“ und wollten Macht, mann, wer hätte das gedacht, dass es einmal so weit kommt.“

Die 80-er Jahre als diesjähriges Fasnetsmotto zeigten auch in der Narrenmesse ihren Niederschlag. Hund, ein Kind der 90-er Jahre, erntete schalkhaften Protest, als er die Grausamkeiten der 80-er aufzählte und bedauerte, dass das Motto nur für die ältere Generation tauge. Von der Dauerwelle führte seine Betrachtung zur grünen Welle, die in den 80-er ihren Lauf begann, weiter zur stetig steigenden kirchlichen Austrittswelle bis hin zur wiederholten Coronawelle – leider inzwischen auch eine Dauerwelle, so Hund. Doch Dank Gottvertrauen, so resümierte er repetierend gemeinsam mit der Gemeinde „surfen wir durch diese Welle“ – egal welche. Musikalisch rahmte das Sammlervölkle den Gottesdienst und Lieder wie „An der Stadtseeküste“ wurden von DJ Maximal unterlegt. Nicht fehlen durfte der Schunkelwalzer und nicht nur der Narrenbaum wiegte sich dank starken Ostwind im Dreivierteltakt, auch die Reihen der Gläubigen schwankten rhythmisch von links nach rechts. Bei den lebensnahen Fürbitten übergab Werner das Mikrofon an ein Schrättele, ein Mitglied des Sammlervölkles, Berthold Schmidinger (Waldseer Wirt), Franz Mosch (Ehrenzunftrat) und Matthias Henne (Oberbürgermeister). Nach 50 Minuten lud Werner zu einer Premiere ein – eine närrische Prozession zur Pfarrkirche St. Peter einmal um den Stock. Zum Narrenmarsch schritten Werner, Hund und der kurzerhand zum Subdiakon ernannte Franz Daiber durch die Hauptstraße. Ihnen voraus hüpfte ausgelassen Werners Esel, zwei Schrättele, zwei Schorrenweible, zwei Federle, ein Faselhannes und ein Narro. An den Wirtschaften entlang des Weges schlüpfte Werner in die Rolle des Narrenpfarrers vom Fasnetsdienstag und fragte seine Gemeinde das Fasnetsvergrabenmantra „Wared´r au scho im…?“. Daiber hingegen nutzte die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass es noch viel Zeit ist, bis am Fasnetsdienstag gar als aus isch.

Vielleicht zeigte sich die Kirche heuer tatsächlich als letzte Bastion der traditionellen Fasnet – ermöglichte sie doch immerhin einen Mini-Mini-Narrensprung mit elf Maskenträgern – sie verstand es aber auf jeden Fall in Bad Waldsee das eine zu tun, ohne das andere zu lassen. Eine Schweigeminute am Beginn der Narrenmesse und 99 Luftballons am Ende der närrischen Prozession waren angemessene Zeichen für die schwierige Situation.

Beiträge

Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.